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Lyrische Blumenlese |
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Der Vorbericht in diesem Buch sagt Ihnen was für ein Reichtum Sie beim Kauf de Buches erwartet.
Vorbericht
Den Dichtern, die an dieser Blumenlese Anteil haben, sage ich den aufrichtigsten Dank für die gütige Aufnahme einiger vorgeschlagenen Lesearten zu ihren vortrefflichen Gedichten. Sie haben diese Vorschläge teils mündlich teils schriftlich gebilligt, und zum Teil ihren Beifall dadurch am zuverlässigsten bezeugt, dass sie solche in die neuesten Ausgaben ihrer eigenen Werke aufgenommen haben. Sie haben bei dieser Gelegenheit eigene Verbesserungen hinzugetan, von welchen in dieser meiner Sammlung einen Gebrauch zu machen nicht unterlassen habe. Weil sich aber die Ausgabe derselben verzögert hat, so konnte es nicht fehlen, dass in dieser Zwischenzeit nicht auch mir noch einige Stellen in die Augen gefallen wären, die gleichfalls einiger Verbesserung bedurften. Ich hoffe, und von einigen Dichtern weiß ich es, dass sie diese letzteren kleinen Änderungen eben so geneigt aufnehmen werden, als die ersteren.
Ob man einzelne Verse, Halbverse und Wörter dem ersten oder dem zweiten Herausgeber zuzuschreiben hat, ist eigentlich eine sehr gleichgültige Sache. Ja, es wäre für den zweiten Herausgeber vielleicht vorteilhafter, wenn er das Geheimnis den Augen aller Leser hätte entziehen können. Mancher ist sehr geneigt, die meisten Veränderungen, die von einer fremden Hand herkommen, den eigenen, alten Lesearten der Verfasser nachzusetzen. Geschieht dieses vielleicht aus Liebe zum Widerspruch, die der natürlichen Freiheitsliebe der Menschen so sehr gemäß ist? Oder geschieht es aus Ehrgeiz: weil man seinen Beifall keinem fehlerhaften Stücke geschenkt haben will? Oder geschieht es aus Rücksicht auf seine eigenen Werke, die man nicht mehr zu verbessern im Stande ist, und für die man gern den Grundsatz geltend machen möchte: der erste Gedanke sei allemal der beste? Oder geschieht es aus Liebe für die Person des Poeten, an dem man auch die Schwachheiten liebt, und dem man durch diesen Beifall eine Schmeichelei macht, die er nicht leicht zurückweisen wird? Meistens ist wohl die Ursache: man hat die alten Lesearten zu stark im Gedächtnisse, sie machen bereits einen Teil unserer eigenen Gedanken aus. Hätte man die neuen Lesearten eben so stark im Gedächtnisse gehabt, so würde unser Urteil vielleicht umgekehrt gewesen sein.
Für manche Liebhaber des Gesanges wäre es unnötig gewesen mit diesen Liedern eine Veränderung vorzunehmen. Sie sind meistens zum Singen bestimmt, und eine angenehme Melodie bedeckt die meisten poetischen Fehler. Selbst ein Kenner singt in einer fröhlichen Gesellschaft ein lustiges Lied von ganzem Herzen mit, ohne auf einige Flecken acht zu haben, die er an den Liedern, eben so gern als an den Menschen, übersieht. Allein dieser gute Gesellschafter wird wenigstens in seinem Vergnügen nicht im Geringsten gestört, wenn dergleichen Flecken aus dem Liede wegbleiben.
Fehler aufzusuchen ist für einen Liebhaber der Dichtkunst nicht die angenehmste Beschäftigung. Mancher, der dieses Geschäft, aus Ehrgeiz, oder, wenn man will, aus Freundschaft für Schriftsteller, allzu lange treibt, wird es so gewohnt, Fehler anzutreffen, dass er endlich für nichts mehr Augen übrig behält als für die Fehler. Man hat seinen Zeitgenossen und Freunden gern einen Dienst leisten wollen: man hat ihre Werke in der Absicht durchgelesen, um ihre Schönheiten zu entdecken, und diejenigen Stücke, die uns am schönsten zu sein schienen, zur Ehre unseres Landes zu sammeln. Hierbei war es aber um so viel nötiger, nach unserem Vermögen, einige zurückgebliebene Flecken hinweg zu nehmen: weil die fehlerhaften Stücke nirgends sichtbarer hervorstechen, als wann sie neben solchen gesehen werden, die frei von dergleichen Fehlern sind. Man hätte diese Sorge den Verfassern selbst überlassen können. Viele derselben wussten es sehr wohl, dass einigen ihrer Stücke noch die letzte Feile mangelte. Allein sie hatten andre, zum Teil wichtigere Sachen, auszuarbeiten; oder hatten jetzt bürgerliche Berufsgeschäfte zu verwalten: so dass sie die Zeit und die Geduld nicht mehr übrig hatten, die dergleichen Ausfeilung erfordert. Zeit und Geduld war also das einzige, was ihnen ein Fremder anbieten konnte, der überzeugt war, dass sie es für keine Eitelkeit halten würden, wenn er sich einbildete, vier Augen können mehr entdecken als zwei.
Sind die Lieder dieser Sammlung nunmehr über alle Kritik? Dieses dürfen wir von keinem Werk der Menschen erwarten. Genug, wenn die Fehler nur so beschaffen sind, dass sie ihre Verzeihung bei sich tragen: ich meine, dass sie klein genug sind, sich unter den größeren Schönheiten zu verlieren. Überdies muss man einmal zu feilen aufhören, besonders wenn der Fehler so gering ist, dass die Ausfeilung desselben die Zeit und Mühe nicht vergütet, die sie kosten würde.
Niemand darf glauben, dass die gewählten Lieder die einzigen guten sind, die man in unsern lyrischen
Sammlungen hat finden können. Einige Werke hat man, aller Wahrscheinlichkeit nach, gar nicht zu Gesichte
bekommen. Einige Lieder hat man darum nicht gewählt, weil ihr Vorzug mehr in ihren schönen poetischen Farben,
als in der Zusammensetzung des Ganzen bestand: ob wir gleich im Grunde den Geist solche Dichter weit höher
schätzen, als die Gabe eines Schriftstellers, der einen lustigen Einfall in etliche Zeilen zu bringen weiß,
und dem folglich der regelmäßige Plan nicht fehlen kann. Andere Lieder, die eben so vortrefflich im Ganzen
angelegt, als in den einzelnen Teilen ausgearbeitet waren, hat man darum nicht gewählt, weil sie nicht zum
Singen, sondern zum Deklamieren, gemacht waren, auch sich zum Teil auf ganz besondere Umstände bezogen, die
nur die Person angingen, an die das Lied gerichtet war. Auch waren noch viele Lieder zum Singen vorhanden, die
der Herausgeber dieser Sammlung nicht ausgelassen haben würde, sofern er nur zu ihrer Verschönerung den
Beistand ihrer eigenen Verfasser gehabt hätte. Überdies war unsere Sammlung bereits stark genug geworden. Sie
enthält ein halbes Tausend Lieder, wenn man nämlich die Lieder der Deutschen dazu rechnet, die im Jahre 1766
hier in Berlin herausgekommen sind, und wovon diese Blumenlese die Folge ist.
Die Namen aller dieser Dichter, deren in beiden Sammlungen mehr als siebzig sind, hat man nicht unter ihre Lieder setzen wollen, um solchen Kennern, die allein von dem Namen auf die Güte des Werkes schließen, die Beurteilung ein wenig schwerer zu machen. Auch hat man nicht angezeigt, welche Stücke aus neuern Poeten nachgeahmt worden sind. Warum sollte man seinen Landesleuten die Ehre entziehen, selbst Schöpfer eines witzigen Einfalls gewesen zu sein? Eine Ehre, die mancher desto mehr verdiente, weil er die entlehnten Gedanken weit glücklicher eingekleidet hatte, als sein Vorgänger, der über dem oft der Nachahmer eines älteren Dichters gewesen war, dessen Namen er gleichfalls verschwiegen hatte.
Vielleicht erwarten einige Liebhaber, diese lyrische Blumenlese künftig eben so in Musik gesetzt zu sehen, wie
die Lieder der Deutschen: allein mein Freund, der jene musikalische Ausgabe veranstaltet hatte, lebt nicht
mehr. Vielleicht wird der vortreffliche Komponist, der Weissens komische Opern und viele seiner Lieder in
Musik gesetzt hat, dies Arbeit über sich nehmen, und entweder all diese Stücke mit Melodien versehen, oder
diejenigen wählen, die den Gesang am liebsten annehmen.
Berlin, den 24. September 1774
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